Ein verregneter Wintertag im Herbst, soziale Kälte zieht in Sonnenstudios ein. Im Paradiesgarten des nordsüdhessischen Gibtsnichstadt tollen Halbstarke herum und verjagen Menschen, die ihnen nicht passen. Sie dürfen das, denn sie tragen Uniform. Früher war das Klima einmal besser, erinnern sich Zeitzeugen, doch dann kamen Hartz-Gesetze, Rentenreform, CDU, SPD und all die anderen Übel, die der durchschnittliche BWL-Student nur aus unterhaltsamen TV-Formaten kennt, bei denen er sich köstlich über den verhassten Pöbel beömmelt. Sowohl Gesellschaft als auch Wetter beschlossen aus Trotz, in eisiger Kälte vor sich hin zu vegetieren. Rentner und Arbeitslose, die in Lauerstellung verzweifelt darauf warten, eine Taube zu erlegen, um ihr leckeres Sarrazin-Menü mit ein wenig Fleisch anzureichern und schon einmal für die Zukunft gewappnet zu sein, wenn der Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger auf allerhöchstens 132€ gesenkt werden wird, bevölkern sämtliche Parkbänke. Es herrscht Bankenkrise.
Szenenwechsel. Ein Hochhaus in Frankfurt: Banker und Spekulanten möchten sich in den Tod stürzen, doch sie können nicht, denn sie bekommen das Fenster nicht kaputt. Es fehlt das Nothämmerchen, bekannt aus Bus und Bahn. Das Management hatte es weggekürzt. Jetzt wäre sein großer Auftritt, denn eine ganz andere Bankenkrise findet zurzeit an den Finanzmärkten statt. Anstatt sich also in den Tod zu stürzen, wie sie es als Ehrenmänner sicherlich getan hätten, verfolgen sie ein erfolgreiches Konzept des liebgewonnenen Turbokapitalismus: Solange alles gut geht, wird der blöde Staat beschimpft, endlich mal die gängelnde Fresse zu halten - doch geht dann irgendwann völlig überraschend doch einmal etwas schief, wird laut um staatliche Hilfe gerufen.

In seinem konfusen Verhalten erinnert der Finanzmarkt an einen vorlauten Jugendlichen mit Egoproblemen und ziemlich vielen Pickeln im Gesicht, der die Mama anschnauzt, sie solle seine Selbständigkeit endlich respektieren, schließlich sei er schon erwachsen, aber gleichzeitig ständig rumnörgelt, weshalb denn Wäsche oder Essen noch nicht fertig seien und womit die Mama denn so ihren langen Tag verbrächte. Beiden ist gemein, dass sie, wenn sie einmal auf die Nase fliegen, schließlich lauthals schluchzend zu eben jenen zurückgekrochen kommen, die von ihnen just noch selbstbewusst weggestoßen wurden. Hoffnung besteht nur für einen von ihnen: den vorlauten Jugendlichen. Während er, sowohl geistig als auch körperlich noch im Reifungsprozess befindlich, zumindest Hoffnung bestehen lässt, er könne aus alledem etwas lernen, ist der durchschnittliche Apologet des vollständig freien Marktes so sehr in seinen FDP-Bahnen eingefahren, dass er dort selbst dann nicht mehr herauskommt, wenn über ihm alles mit großem Getöse einzustürzen beginnt. Sogar das Nothämmerchen wäre hier nutzlos, hilft doch - wenn überhaupt - nur noch der metaphorische Holzhammer.
So zeigt sich der gesamte Laden schließlich, wie man ihn kennt und liebt: Während normalerweise monatelang darüber debattiert werden muss, ob eine zusätzliche Millionen-Investition in Bildung oder Sozialleistungen tatsächlich finanzierbar ist, nur um das Geld dann schließlich doch lieber in neues Schieß- und Prügelgerät zu stecken, weil das auf die Bevölkerung nunmal unmittelbarer wirkt, und auch die Ausgaben für Entwicklungshilfe, die Millionen Menschen vor dem Verrecken bewahren könnten, auf niedrigem Niveau stagnieren, zaubern diverse Staaten mal eben und ganz nebenbei milliardenschwere Rettungspakete aus dem Ärmel, um die Finanzbranche aus der selbstverschuldeten Misere zu befreien. 35 Milliarden Euro wurden beispielsweise alleine für die Rettung der Hypo Real Estate vorgesehen, bis dann mit einem dezenten Räuspern darauf hingewiesen wurde, dass das zwar nett, aber nur Spielgeld sei und weitaus mehr von Nöten sein würde - der Bund übernimmt den Großteil davon. Das Kind muss hungern, doch wenn Papa mal im Vollrausch eine Beule in den Porsche fährt, wird das Sparbuch geplündert.
Nachdem nun also Bank nach Bank der Ruin droht, gibt Kanzlerin Merkel den Norbert Blüm und erklärt privaten Sparern: Die Einlagen sind sicher. Der eigentlich dem Kapitalismus huldigende Staat springt derweil in hilfsbereiter Manier ein, um die Verluste des Bankensektors zu sozialisieren, schließlich ist die viel gepriesene Eigenverantwortung dann irgendwie doch recht blöde, während sich erste Schlangen von Panik befallener Menschen vor sämtlichen Zooläden bilden. Sie folgen trotz allem weiterhin der Marktlogik, wittern den großen Profit und investieren all ihr Geld in Hamster, nachdem sie irgendwo gelesen haben, dass die nun super gehen. Experten der Bundesregierung wiederum warnen vor solch überstürzten Hamsterkäufen, sei doch an diesen possierlichen Tierchen viel zu wenig dran, um sich von ihnen auf lange Zeit ausreichend zu ernähren.
Ein abschließender Finanztipp sei daher gegeben: Einzig bei der Samenbank geht es weiterhin steil nach oben, sind deren Einlagen doch stets liquide. Oder aber man legt das bisschen Geld, das nach Banken- und auch Wirtschaftskrise noch übrig bleiben wird, zwangsweise in Bier an - auf der Parkbank. Dort, so wünscht man sich fast, mögen in Zukunft all die Verantwortlichen ein Konto eröffnen, die stets aus Reflex nach freien Märkten und totaler Deregulierung brüllen.
(Fotos: Schockwellenreiter/Gabriele Kantel & Frank Rosengart)



Was war’n los, ihr treulosen Tomaten? Ist euer Hedge-Fond pleite? Ferrari an einen Baum gesetzt? Doktorarbeit verpfuscht? Gören krank?
Grüße,
Frank
Aber, ach: Die politische und gesellschaftliche Entwicklung macht es so schwer, eine Satire zu schreiben. Was hier alles passiert, überholt beinahe die satirische Vorstellungskraft. Schriebe ich beispielsweise einen Artikel darüber, dass morgen die Bundeswehr im Inneren für Verhaftungen von §129a-Verdächtigen eingesetzt werde, würde dies wahrscheinlich entweder noch vor Veröffentlichung des Artikels oder kurz danach tatsächlich eintreten. Die Regierung ist also alles in allem sehr satirefeindlich und zerstört reihenweise Satirikerarbeitsplätze.
Nichtsdestotrotz wird es auch weiterhin Texte geben.
Gruß zurück