Nulltoleranz ist ein Mythos aus den USA - die Idee, dass man einen Zauberstab gefunden hat, um das Verbrechen, allein das Verbrechen, zu zerschlagen, ohne seine tiefen Ursachen zu berühren. [...] »Politik der Lebensqualität«, wie sie in New York heißt, ist nichts anderes als die Klassensäuberung der Straßen, damit der öffentliche Raum für die Mittel- und Oberklassen angenehmer und auch konsumierbarer wird.
Es handelt sich um eine selektive Intoleranz gegenüber den Armen auf der Straße und gegen gewisse Verhaltensweisen der Armen, die als unerwünscht oder gefährlich gelten, und sie äußert sich in der sozialen Säuberung. Es ist keinesfalls eine Intoleranz gegenüber aller Art von Kriminalität, niemand spricht von Nulltoleranz in Zusammenhang mit Steuerhinterziehung oder politischer Korruption, sondern immer nur in Zusammenhang mit der Straßenkriminalität.
Auf der einen Seite sagt man, man wolle mehr Sicherheit, die man auf die Sicherheit vor Kriminalität reduziert hat, man will also eine repressivere Polizei- und Strafpolitik. Und auf der anderen Seite verabschiedet man Gesetze, welche die soziale Unsicherheit vergrößern. [...] Es handelt sich um eine Gesamtpolitik, die mehr und mehr mit dem Polizei- und Strafapparat auf die Unordnung antwortet, die ihrerseits auf die wirtschaftliche Deregulierung zurückgeht, auf die Zunahme der prekären Löhne, der Arbeitslosigkeit, des Elends, der Ungleichheiten, auf den Abbau des sozialen Schutzes.


