Hartz4all-Feldagenten konnten in der vergangenen Zeit häufig eine Abwandlung des folgenden Satzes als Antwort vernehmen, wenn sie Studenten danach befragten, ob diese an einer Protestkundgebung teilnehmen würden:
Nein, da verschwende ich nur Zeit und mache lieber was für die Uni.
Dieser Aussage inhärent ist stets die von herrschenden Eliten propagierte Haltung, lieber ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Verluste die eigenen Schäfchen so gut wie möglich ins Trockene zu bringen, anstatt mit sozialen Aktionen oder Äußerungen der eigenen Meinung Zeit zu verschwenden, die, so wird befürchtet, der eigenen Karriere schaden könnten.
Hartz4all befragte zu diesem Thema den Soziologen Prof. Dr. Ben Kenobi:
Hartz4all: Professor Kenobi, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit uns zu sprechen.
Kenobi: Aber gerne doch.
Hartz4all: Professor Kenobi, investigativ tätige Feldagenten von Hartz4all können momentan angesichts diverser Studentenproteste gegen Studiengebühren häufig Antworten wie ‘Nein, da verschwende ich nur Zeit und mache lieber was für die Uni’ beobachten, wenn sie Studenten darauf ansprechen, ob sie an Protesten teilnehmen würden. Was sagt Ihnen diese Beobachtung?
Kenobi: Sehen Sie, das sind vorbildliche junge Menschen: Sie lassen sich von extremistischen Akteuren nicht für haltlose Kritik an ihrer eigenen Regierung einspannen, denn das ist etwas, das sich für einen guten Bürger nicht gehört.
Hartz4all: Aber sind diese Studenten nicht vielleicht doch kritisch eingestellt, wollen es jedoch bloß nicht durch offenen Protest zur Sprache bringen?
Kenobi: Nun, das ist zwar theoretisch möglich, aber praktisch völlig ohne Belang, denn wenn sie ihre kritische Einstellung nicht zur Sprache bringen, was, nebenbei bemerkt, sehr gut und sehr patriotisch ist, dann ist das de facto das gleiche, als wären sie der Sache gegenüber positiv eingestellt.
Ein Beispiel: Sie finden es nicht gut, dass so genannte Umweltschützer folgenlos ihre haltlosen Märchen von der Umweltzerstörung verbreiten dürfen, tragen Ihren Protest aber nicht an die Öffentlichkeit. Was passiert? Nichts! Die widerwärtigen Umweltschützer werden sich in ihrem Handeln bestärkt fühlen, denn niemand bringt eine kritische Meinung zur Sprache, niemand protestiert gegen sie. Durch Ihr Schweigen unterstützen Sie also genau das, was Sie nicht unterstützen möchten - wer schweigt, stimmt zu.
Wenn man Ihnen also eine Antwort wie diejenige gibt, die Sie zuvor zitiert haben, bedeutet das, dass die jungen Menschen versuchen, ihr eigenes Studium so schnell und effizient wie möglich zu beenden, bevor die Entwicklungen - in diesem Fall Studiengebühren - sie dann selbst treffen könnten. Das ist ganz klassische ‘Nach mir die Sintflut’-Mentalität oder, moderner, ‘Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied’.
Hartz4all: Woher kommt diese begrüßenswerte Einstellung?
Kenobi: Es handelt sich dabei ganz allgemein um eine Adaption an die Sprache und das Denken der Herrschenden und das ist, das muss ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen, ein Prozess, der in vielen Bereichen der Gesellschaft zu beobachten ist, nicht nur bei Studenten.
Aber bleiben wir bei Ihrem Beispiel der Studenten. Diese haben die Vorstellung übernommen, die negativen Sanktionen, die sie bei sozialen Aktionen, Protestkundgebungen oder persönlicher Meinungsäußerung erfahren könnten, seien so groß, dass es sich nicht lohne, an derartigen Aktionen teilzunehmen oder die eigene Meinung zu äußern, und sind stattdessen nun bloß noch auf ihr eigenes, rein individuell möglichst erfolgreiches Mitspielen bedacht, egal nach welchen Spielregeln zurzeit gespielt wird, ohne sich für die möglichen Implikationen, die durch derartiges Handeln für die Gesellschaft entstehen, überhaupt zu interessieren. Es muss nicht einmal tatsächlich zutreffend sein, dass die negativen Sanktionen einer Meinungsäußerung größer sind als die dadurch erzielten Effekte, sondern die Akteure müssen das nur glauben! In der Vermittlung dieses Glaubens war und ist die Regierung im Zusammenspiel mit verschiedenen gesellschaftlichen Eliten sehr erfolgreich, wie Sie anhand der von Ihnen durchgeführten Befragung selbst gesehen haben, und dafür ist herzlich zu gratulieren.
Hartz4all: Eigenverantwortung…
Kenobi: Genau. Wenn es für die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft Priorität hat, das persönliche Leben nach den Vorstellungen und Wünschen einer gerade aktuellen Elite zu gestalten, anstelle die eigene Meinungsäußerung wahrzunehmen, ist das ein großer Erfolg der etablierten gesellschaftlichen Zwänge, der denjenigen Teil der Bevölkerung, der auf diese Weise handelt, zu Mitläufern reduziert. Die Reaktionen der von Ihnen befragten Studenten zeugen hier stellvertretend vom Gelingen dieser Reduzierungsstrategie.
Hartz4all: Wofür sind Mitläufer zu gebrauchen?
Kenobi: Wie Sie aus der historischen Erfahrung wissen, sind Mitläufer der kritische Kern für den Erfolg von Diktatoren, Demagogen, Kriegstreibern etc. Mitläufer beschweren sich nicht über so genannte Menschenrechtsverletzungen, über Nationalismus, über Diskriminierung, über Sozialabbau und so weiter, sie machen einfach stillschweigend mit und äußern sich weder positiv noch negativ - das ist das Tolle an ihnen.
Hartz4all: Sie belästigen die Öffentlichkeit folglich nicht mit ihrer belanglosen Meinung.
Kenobi: Korrekt. Man hat es geschafft, die einzelnen Akteure erfolgreich in die totale Atomisierung zu überführen, die durch kluges ideologisches Vorgehen euphemisierend als Individualisierung, also als etwas grundsätzlich Positives, bezeichnet werden konnte: Teile und herrsche. Mehr noch, denn zusätzlich dazu hat sich augenscheinlich ein sehr stabiler Fatalismus in der Bevölkerung durchsetzen können, verbunden mit einer ausgeprägten Lethargie.
Hartz4all: Das wäre dann wohl das berühmte ‘Was kann ich denn schon tun?’.
Kenobi: Jawohl, das trifft den Kern der Sache ziemlich exakt. Erneut haben wir hier eine selbsterfüllende Prophezeiung, die durch geschickte ideologische Führung installiert wurde: Selbstverständlich kann jeder etwas tun, selbstverständlich kann jeder ‘die Welt verändern’, wie man so schön sagt, aber wenn jeder glaubt, er könne nichts tun, dann kann auch wirklich niemand etwas tun.
Hartz4all: Und das ist auch gut so, denn nur weise Eliten sollten die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen formen dürfen, da nur sie alleine über ausreichende intellektuelle Kapazität verfügen, um diese Aufgabe zu übernehmen.
Kenobi: Selbstverständlich. Die von Ihnen beobachteten Studenten verhalten sich vorbildlich, indem sie ihr eigenes Denken und selbstbestimmtes Handeln einstellen und andere für sich denken und lenken lassen.
Hartz4all: Ergo sollten Menschen ihre Meinung weder auf Demonstrationen noch in politischen Blogs, bei der Arbeit oder im Freundeskreis zur Sprache bringen, sondern lieber darauf bedacht sein, möglichst persönlich gewinnbringend und ohne Rücksicht auf so genannte gesellschaftliche Verantwortung einfach wie ein Fisch im Wasser das Spiel mitzuspielen, da Mitläufer die einzigen erneuerbaren Ressourcen sind, auf die Deutschland im internationalen Wettbewerb vertrauen kann.
Kenobi: Ein gutes Schlusswort.
Hartz4all: Vielen Dank für das fiktive Gespräch.
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