Heute ist zu vernehmen - und ich berichte aus dem Leben - von einem Lehrerseminar: Es sei ja ohnehin alles genetisch festgelegt - was fast wie eine Rechtfertigung pädagogischen Fatalismus klingt. [...] Ich vermute, dass solche Positionen Folge der medialen Euphorie über die missverstandenen Implikationen des abgeschlossenen Genomprojektes sind. Sie zeugen von einer tiefen Unkenntnis über die tatsächlichen Bedingtheiten der Hirnentwicklung. Es gibt fast keine Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen genetischen Instruktionen und bestimmten Eigenschaften, schon gar nicht im Bereich von Begabungsspektren und Persönlichkeitsmerkmalen.
Und nun das Gedankenexperiment:
Es ist anzunehmen, dass sich unsere genetische Ausstattung seit den letzten 30.-40.000 Jahren nur unwesentlich, wenn überhaupt, verändert hat. Jedenfalls nicht mehr als es der Streubreite der genetischen Ausstattung der heute lebenden Menschen entspricht. Das bedeutet aber auch, dass ein Baby Höhlen bewohnender Steinzeiteltern so werden würde wie wir, wenn es von Geburt an in unserer Gesellschaft aufgezogen würde, vielleicht ein Studium aufnähme oder eine Geigenvirtuosin würde. Umgekehrt würden unsere Kinder, wären sie den Damaligen anvertraut, so geworden wie deren Kinder. Wir wissen nicht sehr viel über diese Menschen. Aber gewiss ist, dass sie sich drastisch von uns unterschieden haben müssen und zwar vor allem im Hinblick auf höhere mentale Fertigkeiten und kognitive Leistungen wie Sprach- und Abstraktionsvermögen. Dies zeigt, wie obsolet die derzeitige Überbetonung genetischen Determinismus ist.
Es ist eine Mähr, die von Wochenendtrainern gewinnträchtig vermarktet wird, dass der Mensch nur einen ganz kleinen Teil seiner neuronalen Ressourcen nutzt. Das ist Unsinn: es gibt nirgends im Gehirn Bereiche, die brachliegen. Wäre dem so, könnte man von dort Gewebe entnehmen, ohne Funktionseinbußen befürchten zu müssen.
Dem aber ist nicht so.
In den allermeisten Fällen wird es aber genügen, darauf zu vertrauen, dass die jungen Gehirne selbst am besten wissen, was sie in verschiedenen Entwicklungsphasen benötigen und dank ihrer eigenen Bewertungssysteme kritisch beurteilen und auswählen können. Kinder sind in aller Regel genügend neugierig und wissbegierig, um sich das zu holen, was sie brauchen. Elternehrgeiz ist hier wenig dienlich, entscheidend ist nicht, was die Eltern wollen, sondern was das Kind mitbringt und will.
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