Ein junger, schwarzer Präsidentschaftskandidat, der Charisma besitzt wie kein zweiter, fesselnde Reden hält und die Massen begeistert, besucht Berlin. Gemeint ist nicht Horst Köhler, sondern Barack Obama. Der neue Messias, der Amerika wieder dahin führen soll, wo es laut Amerika hingehört: Nach Amerika. Er könnte den Ausweg aus der wirtschaftlichen Rezession darstellen, indem er ödes Wasser in teuren Wein verwandelt, oder aber mittels einer Autobahn über den Atlantik die Beziehung mit Europa vertiefen. Doch die meisten setzen ganz andere Hoffnungen in Barack Obama und wünschen sich niedrigere Spritpreise, eine neue Staffel Lost, ein iPhone oder täglich Sonnenschein. Es sind hohe Ansprüche, die mit den kleinlichen Forderungen nach einem Ende der Folter, Rückzug aus dem Krieg oder einer freiheitlichen Gesellschaft nicht mehr viel gemein haben. Acht erfolgreiche Jahre George W. Bush haben ihre positiven Spuren hinterlassen.
Besucher des als reine Wahlkampfkulisse inszenierten Spektakels, das tatsächlich oder zumindest gefühlt mehr Zustrom finden konnte als sämtliche langweiligen Demonstrationen gegen so voll unspektakuläre Dinge wie Grundrechts- und Sozialabbau zusammengenommen, punkteten mit scharfsinnig-kritischen Aussagen mehrheitsfähiger Ausprägung, die die Leidenschaft am weltpolitischen Geschehen eindrucksvoll auf den Punkt bringen: “Wir sind hier, damit wir später einmal sagen können, wir haben Obama schon gesehen, bevor er Präsident war”, nuschelte beispielsweise Mandy Mandykowski (Name frei erfunden) in das Mikrofon der freundlichen ARD-Tante, die sich ob solch geballter Masse fundierten Politikinteresses sichtlich arg beherrschen musste, um Gesichtsausdruck und Würgereflex halbwegs unter Kontrolle zu behalten. Da half auch nicht das anschließende Befragen eines verwirrten “North America Studies”-Studenten, der geschickt das bisschen Aufmerksamkeit, das infolge seiner Aussagen wohl auch das für Lebenszeit einzige bleiben soll, für das Abfeuern inhaltsleerer Phrasen und eines großen Wortschwalls an Selbstdarstellung nutzte. Waren es intellektuelle Schwergewichte wie diese beiden, die eindringlich zusammenfassten, was sich da in Berlin zum Händeklatschen für den US-Wahlkampf mobilisieren ließ?
Was bei einem Besuch des häufig mit schmierigen Pommes verwechselten McCain wohl als Auslöser für heftige Proteste von Seiten aufgebrachter Massen (fünf bis zehn Personen) fungiert hätte, geht bei dem als Popstar verehrten Barack Obama in eben dieser extatischen Verehrung verloren, die mit ihrer Wahrheitsverzerrung sonst nur bei Mädchen unter 15, Apple-Fanboys und den meisten BWL-Studenten zu beobachten ist. Folglich verwundert es kaum, dass offenbar keiner der Besucher so wirklich doof fand, was die zuständigen Veranstalter des fröhlichen Spektakels mit der zum Zeitpunkt der Rede immerhin noch nicht völlig abgeschafften Meinungsfreiheit anstellten: “Wenn jeder einfach so seine Meinung ausdrücken darf, äußert am Ende irgendeiner noch etwas Negatives”, überlegte sich die Veranstaltungstante Friede Spietsch und ergänzt: “Negatives ist nicht gerade positiv”.
Kein noch so kleines Fünkchen unkontrollierter Meinung sollte die bis ins kleinste Detail choreografierte Aufführung stören. Wie noch in jedem Fall, wenn sich elementare Grundrechte partikularen Interessen unterwerfen müssen, was den meisten Bundesbürgern erfahrungsgemäß nicht sonderlich aufstößt, solange es nicht Fußballübertragungen, das wochenendliche Partymachen oder das Bloggen von Katzenbildern und Schleichwerbung unterbindet, war auch hier die Lösung schnell gefunden und lautete lapidar: Sicherheitsgründe. “Osama bin Laden könnte mit einem Transparent die Bühne stürmen, Barack Obama darin einwickeln und zu Tode ersticken”, resümiert Frank Horrigan, Sicherheitsbeauftragter des U.S. Secret Service, die einleuchtenden Bedenken. Transparente und Plakate gab es während der Rede an der Siegessäule, die als Privatveranstaltung firmierte, um zu verhindern, dass Anwesende ihr Recht auf Meinungsäußerung allzu ernst nähmen, also genau so wenig zu bestaunen wie etwa Meinungsfreiheit, dafür gab es aber Bier, “supi Stimmung” und “total gutes Wetter”. Das ist doch auch was.
Während der neue Popstar sich in den USA unter anderem für die Todesstrafe ausspricht, damit die bösen Buben aus ihren Taten etwas lernen und so etwas nicht wieder tun, was nunmal die endgültigste Form der Resozialisierung darstellt, außerdem willfährig und ganz nebenbei Gesetze zur fortschreitenden Überwachung unterstützt, weil das sowieso nur diejenigen betrifft, die etwas zu verbergen haben, und verbal schonmal mehr Krieg in Pakistan und Afghanistan androht, weil das so schön bumst, wird in Berlin gefeiert. Denn wen interessiert das schon, wenn es Bier, supi Stimmung und total gutes Wetter hat?
Die von Obama beschwörte Verbesserung der Kooperation zwischen Deutschland und den USA bedeutet in einfache Worte übersetzt: Weil es blöd und ziemlich ungerecht sei, wenn in Afghanistan nur US-Soldaten sterben, sollen nun mehr Deutsche das gleiche Schicksal teilen. Immerhin habe man damals mit der Luftbrücke Westberlin versorgt und so weiter, da sei Deutschland eben auch mal dran. Unzählige Male wird das Bild der Rosinenbomber bemüht. “Igitt, Rosinen”, erinnert sich auch Brunhilde Müller an diese schlimme Zeit: “Wir hatten gedacht, das Schlimmste läge nach all den schweren Jahren hinter uns, doch dann kamen die Rosinen”. Afghanistan kann sich glücklich schätzen, denn dort werden richtige Bomben abgeworfen, beispielsweise auf Hochzeitsgesellschaften. Weil auch die hierzulande etablierten Parteien, die es mit der Verfassungsmäßigkeit der von ihnen getätigten Beschlüsse nicht allzu ernst nehmen, recht wild aufs Kloppen und aufs Schießen sind, wie beispielsweise schon ein Blick auf die letzten 10 Jahre eindrucksvoll beweist, sich jedoch rein der Form halber noch ein wenig zieren und als “hard to get” darstellen, wird es nicht lange dauern, bis diese Form der Kooperation ihre Verbesserung findet.
Helfen wird Obama seine Rede indessen nicht, denn der nächste Präsident der USA ist jemand anderes; jemand, der ungefähr 50 Jahre älter, sehr viel skrupelloser, wesentlich weißer und außerdem waschechter Republikaner ist: Hillary Clinton. Sie, die nach Macht lechzt wie sonst nur manche Philtrum-Bart-Träger und CSU-Politiker, soll in einem New Yorker Supermarkt Geiseln genommen haben, um sich die Präsidentschaft auf diesem Wege doch noch zu erpressen. Besser als das wäre beinahe alles, vielleicht auch ein Präsident McCain mit einem Vizepräsidenten namens John Kerry - Pommes und Ketchup endlich vereint. Das wäre wenigstens ein Schmunzeln wert, und das ist immerhin mehr als es die derzeitige US-Politik unter George W. Bush erlaubt.








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